Quelle:
http://www.nullzwoelf.com
Und er hatte recht, der Wetterbericht von Spanien. Eben jener Berichte in denen froschähnliche Wetterhansel hilflos vor imaginären Landkarten rumfuchteln und sich der Wahrsagerei verschrieben haben. Wahrscheinlich war es mal wieder purer Zufall, dass die vorausbeschworenen 35 Grad, tatsächlich 35 Stück an der Zahl waren. Ansonsten werden Wettervorhersagen im Allgemeinen in Punkto Zuverlässigkeit ja nur noch von der Deutschen Bahn übertrumpft. Aber da lag ich nun. Nach etwa einer Stunde lustig herumtitschender Autofahrt, 25 Minuten Fußweg durch die Pampa, schweren Ruckgesäck, Liegestuhl und Sonnenschirm unterm Arm (man will es ja ursprünglich), erreichte ich das Meer und einen zugegebenermaßen hinter allen, aber auch wirklich hinter allen Erwartungen zurückbleibenden Strandabschnitt. Ein bizarres Bild bot sich. Träge Fleischhaufen in allen Farbnouancen lagen dort mit Fressbuden jedenfalls rein beschallungstechnisch sinnvoll vermischt und niemand schien sich zu bewegen. Die Hitze stand mir förmlich vorm Gesicht und raubte mir den eh schon spärlich vorhandenen Sauerstoff.
Für mich als Fußgänger unbeschreiblich, unter welchen Anstrengungen ich litt. Und gerade deshalb stellte sich mir die Frage: Wie um alles in der Welt haben die diese Imbissbuden samt ihrer Kompressoren hierhin gekarrt? Und vor allen Dingen: Wieso? Nun gut. Schweißgebadet rupfte ich wie besessen an meinem Sonnenschirm herum, da mir die Sonne das Gehirn mit circa 8 bar Überdruck aus den Ohren presste! Nur erstaunliche drei Mal musste ich den Sonnenschirm wieder einfangen, der mittels eindeutiger Windböen und ungeschickter Positionierung fliegen ging. Die Einheimischen scheinen für solche Fälle eine Schnur samt Hering parat zu haben. Ich habe sie leider nicht.
Dass ich den Rest des Tages den Schirm mit einer Hand bei jeder Böe festhalten musste, störte nicht so sehr, wie der Sand auf meinem Handtuch. Er schien förmlich durch das Handtuch hindurch zu diffundieren, da er bereits unmittelbar nach dem Ausschütteln (ging nur einhändig wegen Schirm) wieder drauf war. Aber es klappte irgendwie. Die größte Herausforderung stand mir aber noch bevor. Ich zog mein T-Shirt aus und schon nach wenigen Millisekunden zog ich so ziemlich alle spanischen Augen und Zeigefinger an diesem Strand auf mich. Sie konnten eigentlich nur meine, für diesen Breitengrad der Erde eher seltene Hautfarbe meinen. Schönstes, in seiner Reinheit blendendes Alpinaweiß! Ja, so weiß, dass ich unter diesen Witterungsverhältnissen wahrscheinlich schon im Schatten einer Stahlbetonmauer einen mittelprächtigen Sonnenbrand bekommen hätte - ach was - vollends in Staub zerfallen wäre. Ich war so hell, dass sich mein strahlendes Antlitz wie Sturmgewehrkugeln in jede untrainierte Netzhaut schoss.
Ich cremte mich also mit Lichtschutzfaktor 55 ein. Hiernach hilft wohl nur noch das Einwickeln in Aluminiumfolie. Eine Hand am Schirm, wie gehabt. Nach nunmehr drei Stunden nach der Abfahrt lag ich unter meinem Sonnenschirm und genoss also das Meeresrauschen, dass sich hin und wieder durch das Kompressorengehämmer schlich. Bin ich eigentlich der einzige Deutsche hier, fragte ich mich.
"Der Pabba baut euch das Zelt üff!", hörte ich eine Frau sagen.
"Das ist keen Zelt, söndern ne Strandmuschel!", erwiderte daraufhin eine Männerstimme.
Nein, ich war nicht der Einzige. Sachsen, da kamen tatsächlich Sachsen an meinen spanischen Strand. Was um Himmelswillen ist denn aber eine Strandmuschel?
"Mensch Klaus, ganste v'leisch mo das Zelt üffbaun jetze?!"
"Oh nee, alles voller Sand hier jetze!", sächselte Klaus. Die Kindern nölten und jammerten enorm. Das Zelt brach mehrmals zusammen, während die Mutter zum achten Mal das Handtuch ausschüttelte. War wohl Sand drauf! Die Kinder, die ebenfalls schon in ihren jungen Jahren sächselten (das muss man sich mal vorstellen), wurden nun immer ungeduldiger und warteten auf ihren sichtlich verschwitzten und angestrengten Pabba.
"Heinz, meenste das klappt heute noch?!"
"Jo doch, olle Zieche", zischte er.
Der kleine Junge brüllte jetzt etwas intensiver, also rein dezibeltechnisch jetzt. Die Mutter schüttelte abermals die Handtücher aus und der Papa hatte gerade eine Zeltwand stehen, da bot sich mir ein Bild, das wahrscheinlich nur für Götteraugen bestimmt war: der kleine Junge schrei wie am Spieß und stand kerzengerade, wenn nicht sogar noch ein wenig nach hinten gebeugt, sodass der Bauch leicht hervorragte und pinkelte mit bestem Mittelstrahl gegen die scheiß Strandmuschel. Aber man kann's dem Kleinen nicht für übel nehmen, denn alleine wegen der Bezeichnung "Strandmuschel" hätte ich auch große Lust gehabt das Ding einmal so richtig vollzupissen.
"Oh nee, der pinkelt mir ins Zelt jetze!", rief der Vater.
Kaum ausgesprochen, hob er den Jungen auch schon hoch, immer noch pinkelnd und schreiend, versteht sich. Ich war im Prinzip so fasziniert, dass ich promt die "Eine-Hand-Regel" vergaß und mir zwischenzeitlich der Schirm fliegen ging. Allerdings stellte ich zu meinem Erschrecken fest, dass das Pinkelmännchen jetzt schnurstracks auf mich zu getragen wurde. Ich rief wohl so etwas wie "Oh!" oder "Ah!" und das auch ganz laut. Aber es half nichts. Der gelbe Strahl sabberte im rundesten Radius über mein - zu diesem Zeitpunkt nur mit wenig Sand beträufeltes - Handtuch. Nun war der Punkt erreicht, an dem ich irgendwie keine Lust mehr auf diesen Strand hatte. Ich wusch mich im Meer, da alleine der Gedanke an einen, mich nur um Zentimeter verfehlenden Urinstrahl, bei mir beispielslosen Ekel hervorrief.
Ich packte meine Sachen und schleppte meine kompletten Strandrequisiten unter Todesanstrengungen wieder zum Parkplatz. Der Rückweg dauerte anstatt 25, seltsamerweise satte 40 Minuten. Ich war am Ende. Mein Kreislauf war kurz vor dem Generalstreik, als ich feststellte, dass das Licht an meinem Auto noch eingeschaltet war. Nein, bitte nicht!
"Coco Loco!"
Bitte, bitte keine leere Batterie. Nicht hier und nicht jetzt! Der Rückweg wäre gleichbedeutend mit einem Pilgermarsch gen Kerbela gewesen.
"Tutto Locooo! Coco della Locooo!"
Ich weiß bis heute noch nicht so recht, was ein Coco Loco oder so ähnlich ist, aber ein Typ lief mit seinem Bauchladen über den Parkplatz und verkaufte es, dieses Coco Loco. Und er schrei in der immer selben Betonung diese beiden Wörter, die mich noch viel wütender machten. Ich setzte mich in den Wagen und hörte einige Sekunden meinem Herzschlag zu, wie er stotterte und stolperte, manchmal sogar aufhörte und dann wieder wie wild loshämmerte. "Coco Loco" immer wieder "Coco Loco". Ich hatte Glück, der Wagen sprang noch einmal an. Mühsam, aber es ging. Ich legte gerade den Rückwärtsgang ein, als es an der Fahrerseite kloppte. "Coco Loco???", fragte der Typ und hielt mir irgendwas zu trinken hin. Da ich schnell nach hause wollte, kaufte ich ihm diesen Loco-Mist ab und trank es aus.
Später, also "zuhause" im Hotel angekommen, sollte ich mich übergeben, wie es sonst nur Darmkranke mit wütendem Brechdurchfall tun. Im hohen Bogen regnete es Coco Loco in den hauseigenen Hotel-Pool Das Klo war einfach zu weit weg. Mein Sonnenbrand schrie auf, als ich mich erschöpft aufs Bett legte. Morgen, ja morgen bleibe ich mal den ganzen Tag nur hier am Pool. So richtig schön langweilig. Und wenn es neues Wasser gibt, dann gehe ich sogar mal rein. Ansonsten schweige ich und genieße.