Das Weihnachts-Tagebuch
Neunzehnter Dezember
Ich habe heute ab Mittag frei genommen, denn heute werde ich meiner Familie zeigen, dass die Beschaffung eines Weihnachtsbaumes Männersache ist. Also: Frau, Hund und Kettensäge incl. Forstarbeiterhelm und Beinschutz in den Kombi mit dem Dachgepäckträger verpackt und derart voll ausgerüstet auf zu der Tannenschonung, in der man laut meinem Nachbarn jedes Jahr zu dieser Zeit gegen eine geringe Gebühr selbst seinen Traumbaum erlegen kann.
Vor Ort: Mindestens 50 Autos mit Dachgepäckträgern und ebenso viele Familien haben sich hier eingefunden, um der Tannenschonung den Garaus zu machen. Der Weihnachtsmann, der die Gebühr kassiert, ist sich nicht zu schade, den anwesenden Kindern anhand eines Flachmannes in der Hand und diversem Leergut in seiner unmittelbaren Umgebung zu demonstrieren, dass auch der heilige Mann der Kälte nur mit weltlichen Mitteln trotzen kann. Als wir an der Reihe sind, will er mir wie allen anderen eine Baumsäge in die Hand drücken.
"Musdu nämmen fürr summ absäggen von Baume, was gönen ausuchen, wie wilsdu!"
Ich lehne dieses unprofessionelle Hilfsmittel der körperlichen Gewalt empört ab und zücke meine Forstarbeiter-Profiausstattung aus dem Kofferraum meines Autos. Helm auf, Gesichtsschutz herunter und das Kevlar-Beinkleid angelegt, begebe ich mich mit meiner Familie in die Schonung. Meine noch nie benutzte Kettensäge mit dem 80-cm-Schwert trage ich dabei Respekt heischend wie einst Clint Eastwood?s Gewehr und gebe damit jedem zu verstehen: "Aus dem Weg, Ihr Dilettanten, jetzt wird's ernst!"
Schnell ist der Baum der Bäume gefunden. Sein ca. 6 cm starkes Stämmlein wird meinen Profigerät nichts entgegenzusetzen
haben. Links und rechts von mir gehen Möchtegern-Holzfäller mit ihrer Spielzeugsäge ans Werk. Ich schaue mich noch einmal nach meiner Familie um, um sicherzustellen, dass sie sich nicht im Gefahrenbereich aufhält. Aber Frau und Hund haben sich verdrückt. Egal, es gilt! Der Baum oder ich! Ein kräftiger Zug am Startseil und... rrrrr... rrrrr... rrrrr... rrrrr... Scheiße, warum springt das Ding nicht an... rrrrr... rrrrr... rrrrr... wie peinlich... rrrrr... rrrrr...
Der ältere Herr rechts neben mir mit dem Hut und dem Lodenmantel und seiner Spielzeug-Astsäge hat seinen Baum gerade zu Fall gebracht.
Rrrrr... rrrrr... rrrrr..., ich faß es nicht! Rrrrr... rrrrr... rrrr... Der Baum links von meinem gibt ebenfalls gerade auf und sein etwa 12jähriger Bezwinger will seine Beute nun gerade in Richtung Ausgang bringen. Ich frage ihn, ob ich mir mal eben seine Astsäge ausleihen dürfe.
Der Kleine meint, er mache das schon, und 30 Sekunden später liegt mein Baum am Boden.
Oh Mann, ist das peinlich. Ich schau mich erst mal um, ob ich irgendwo Bekannte entdecke, die mein persönliches Waterloo mitbekommen haben könnten. Es scheint jedoch noch einmal gut gegangen zu sein und in meinem Forstarbeiter-Outfit hätte mich wohl auch so leicht keiner erkannt.
Der inzwischen sturzbetrunkene Weihnachtsmann verpackt meinen Baum in ein Netz und fragt scheinheilig:
"Sägge nix gutt? Nix aanschbringän? Chasdu Bensinhann ofen?"
Idiot! Natürlich habe ich den Benzinhahn offen, ich bin doch nicht blöd. Er nimmt mir die Säge aus der Hand, ...macht den Sprithahn auf und zerrt kurz am Zugseil. Und unter den Applaus von ca. 50 Gaffern erwacht dieser Haufen Schrott zum Leben!
Rääännggdädänngdädenng ...deng ...deng ...dädäng ...däng!
Ich hasse das! Ich will nur noch nach Hause! Heim! Nichts wie weg!
Ich wuchte den Baum aufs Autodach und höre dabei das schabende Geräusch, dass das untere Stammende auf dem Lack verursacht... Ich will den Schaden gar nicht erst sehen. Einfach nur ins Auto und weg hier!
Immerhin: Zuhause befinden sowohl meine Familie als auch meine Nachbarn und auch ich den Baum für einmalig schön.
Geschätzte Gesamtkosten des heutigen Weihnachtsbaumbeschaffungsausfluges: Baum 35 ?, 5 ? für den hilfsbereiten 12jährigen Holzfäller, Lackschaden am Autodach 200 ? und jede Menge Schaden an meiner Psyche!
Dass außerdem die Velourpolster des Fahrersitzes meines Luxuskombis durch Tannenharz, das an meinen Klamotten haftete, auf Ewigkeiten versaut sind, brauche ich sicher auch nicht zu erwähnen.
Den späten Nachmittag verbringe ich im Garten, weil ich den alten Baum zwecks einfacherer Entsorgung in kleine Teile zersägen will.
Rrrrr... rrrrr... rrrrr...
Fortsetzung folgt