Das Weihnachts-Tagebuch
Vierundzwanzigster Dezember
Der gestrige Stress war doch anstrengender, als ich dachte und ein Sonnenstrahl weckt mich.
Blödes Wetter aber auch für einen Heiligen Abend, strahlend blauer Himmel und 10° Plus. Von wegen sogenannter ?Winter?...
Unter meinen Schuhen knirscht kein Schnee, nur das Streusalz aus dem 50-Kilo-Vorratssack, den ich beim Reinzerren des Weihnachtsbaumes umgeschmissen habe.
Ja, ja, ich weiß, DAS ist Männersache...
Der Baum ist jetzt, bei Licht und in der guten Stube besehen, doch nicht sooo toll. Mir jetzt auch schnurz, nochmal säble ich nicht dran rum. Passend ins Eck gepfercht und aufgetakelt, wird die altdeutsche Krüppelfichte schon als Musterbaum durchgehen.
Bloß wo ist jetzt wieder der Ständer für den Baum? Boden oder Keller? Ich werfe eine Münze: Keller! Gut gewählt, hinter zehn Stapeln alter Frauenzeitschriften zerre ich das gute Stück endlich aus einer Ecke.
Droben fange ich dann an, den Baum im Ständer solange zu drehen, bis mir selber schwindlig ist. Dann noch schnell eine Schnur besorgt und das gute Stück an der Wand festgedübelt und verzurrt (aus leidvollen Vorjahreserfahrungen weiß ich, dass ich sonst beim Schmücken das nadelige Grünzeug immer umreisse und es mir dann mitten ins Gesicht fällt...).
Apropos Schmücken: Das Kugelkettensternezeug muss ich ja auch noch vom Boden holen (wenns denn da hoffentlich auch ist?).
Nach zwei Stunden hab ich den wirren Inhalt der fünf Schachteln einigermaßen gleichmäßig auf dem Gestrüpp verteilt, sogar die Lichtlein (das erste Mal, dass ich nicht an der Elektrik rumbasteln muss) brennen. So, noch ihr Geschenk unterm Baum: fertig.
Meine Frau ist immer noch in der Küche und gibt keinen Mucks von sich.
Ich schau mal, was sie so treibt: ?Du Schatz, ich bin fertig ? wie schauts bei dir aus??
?Hast du den Baum...??
?Alles erledigt! Kommst du dann??
Sie verschwindet kurz im Schlafzimmer, kramt fünf Minuten in irgend einem Schrank, um sich mit einem Geschenkpäckchen wieder zu mir zu gesellen.
Gemeinsam schreiten wir ins Wohnzimmer, um andächtig vor dem Weihnachtsbaum stehen zu bleiben: ?Oooch, ist der schön!?
?Wirklich??
?Das ist der schönste Baum, den wir bisher hatten!? Das sagt sie jedes Jahr, trotzdem freu ich mich jedesmal wieder drüber.
Sie legt ihr Geschenk unter den Baum und zieht mich in ihre Arme: ?Frohe Weihnachten, mein Schatz.?
Wunderbar.
Mein schlechtes Gefühl ist wie weg geblasen, auch wenn?s mit dem ?Super(ehe)mann? jetzt nichts mehr wird.
Wir packen unsere Geschenke aus. Meine Frau weiß, was Männer wünschen: Eine USB-Platte und ein 2GB-Stick für mich.
Schließlich ist sie an der Reihe. Sie schält das Kostum aus der Verpackung. ?Oooh...? haucht sie nur und ich erhasche einen Kuss, als sie schon auf dem Weg ins Schlafzimmer ist.
Drei Minuten später steht sie in blau wieder vor mir: ?Das paßt ja ganz prima, welche Größe ist das denn??
Aha! Bloss gut, dass sie das Etikett nicht gefunden hat ? ich hab?s ja auch rausgetrennt... ?Vier... äh, zweiundvierzig...?
?Ich hab? gar nicht gewußt, dass du dich da so toll auskennst!?
Ich auch nicht.
?Mach doch mal das Deckenlicht an, dann siehst du, wie gut es mir paßt?
Klick.
Eine Drehung von ihr. Ein Blick. Ein Schrei. Sie stürzt zum Baum. Greift zwischen die Zweige. Und zieht eine KETTE heraus.
DIE KETTE! DA IST DIE KETTE!
Nein, nein nein, das darf nicht wahr sein! Da such? ich sie schon ewig und dann das! Bin ich blöd...
Überall hab? ich gesucht, bloß nicht in diesem vermaledeiten Weihnachtskrimskrams! Der Weihnachtsbaum, das ist... ist... ist...
?MÄNNERSACHE!?
Sie legt die Kette sofort an, schenkt mir ihr strahlendstes Lächeln und entschwebt zum Spiegel, während mir immer übler wird.
Das darf doch wohl nicht wahr sein! Jetzt isses genug. Ich mag nicht mehr.
Dies sind die letzten Zeilen meines Tagebuchs. Ich bin krank, sehr krank. Zumindestens bis Weih... würg... nach... uurps... ten vorbei ist.
ICH HASSE WEIH...!
Ende, Schluß, aus...