Zitat:
PUBLIC ENEMY
Der endlose Fight mit der Power
Von Uh-Young Kim
Werden Glamour und Showbiz den HipHop restlos zur Popfarce degradieren? Nicht wenn es nach Public Enemy geht. Im Angesicht von Katrina und dem Elend der Afroamerikaner wird die legendäre Rap-Truppe wieder aktiv: Der Kampf gegen Rassismus, Gewalt und Korruption geht weiter.
Wenn HipHop das "CNN des schwarzen Amerikas" ist, dann ist Chuck D sein Anchorman. Einst bezeichnete der Kopf von Public Enemy Rapmusik als alternativen Informationskanal für die Ghettos der USA. Wie kein anderer hat er mit regierungskritischen Punchlines und radikalen Positionen den politischen Widerstand in die HipHop-Kultur eingeschrieben.
Public-Enemy-Chef Chuck D: Nachrichtensprecher des HipHop
Heute ähnelt HipHop mehr einem Videospiel, in dem es Bonuspunkte für rebellische Posen gibt. Dass Carlton Ridenhour, wie Chuck D bürgerlich heißt, die wortreichste aller urbanen Musiken jedoch nach wie vor für Kritik und Aufklärung nutzt, hat der 45-jährige Archetyp des Politrappers erst Anfang September wieder demonstriert.
Zwei Wochen bevor Michael Jackson einen Benefizsong für die Flutopfer von New Orleans ankündigte und einen Tag bevor Rapstar Kanye West Präsident Bush beschuldigte, sich nicht um die Schwarzen zu kümmern, hatte Chuck D schon ein ganzes Gedicht geschrieben und in seiner Radioshow über den Äther geschickt. "We be the new faces of refugees who ain't even overseas but here on our knees" ("Wir sind die neuen Flüchtlinge, die noch nicht mal woanders, sondern im eigenen Land zusammenbrechen"), heißt es in dem Nahkampfkommentar "Hell No" über die Missverhältnisse von Rasse und Klasse, die Katrina an die Oberfläche gespült hat.
Nicht nur die tatenlose Regierung und die rassistische Berichterstattung klagt er darin an. Auch Versäumnisse der schwarzen Bevölkerung kommen zur Sprache, die lieber vom Luxus geträumt hat, als sich selbst zu ermächtigen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Folgen dieser Entpolitisierung: "Was wir in New Orleans gesehen haben, war ein Haufen von hilflosen Leuten. Hilflos, weil sie keine Kontrolle über ihre eigene Situation haben. Wenn dich andere kontrollieren, wirst du im Notfall einfach alleine gelassen."
Wenn überhaupt, hatten sich Rapper in den letzten Jahren erst dann mit Rassismus auseinandergesetzt, als die Polizei brutal gegen Afroamerikaner vorging. Nun hat Katrina das schwarze Amerika wach gerüttelt. Nach der Zerstörung des Geburtsorts moderner schwarzer Musik bilden sich Koalitionen zwischen Jazz und HipHop, Charts und Underground, Musikern und politischen Vereinigungen, die Hoffnung auf ein Gegengewicht zum Spaßdiktat aktueller Popmusik geben.
Für Chuck D sind die Probleme nicht neu. "Jeder Tag ist ein Ausnahmezustand, den wir überleben müssen", weiß der Rapper aus Erfahrung. Public Enemys Wurzeln liegen in der afrozentrischen Ära von HipHop Ende der achtziger Jahre. Als die Ghettos mit Crack überschwemmt wurden, konfrontierten sie die Öffentlichkeit mit der verdrängten Geschichte von Rassismus, Armut und Ausbeutung.
Dass Chuck D die Musik als Agent des sozialen Wandels einsetzt, führt er in seiner Autobiographie "Fight The Power" von 1997 auf seine Zugehörigkeit zur Post-Soul-Generation zurück: "Meine Erziehung und die Tatsache, dass ich die turbulenten Sechziger erlebte, waren meine Vorteile am Anfang von Rap." Die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung nach Martin Luther King schwingen in seiner Protesthaltung ebenso mit wie die Verschwörungstheorien der separatistischen Nation Of Islam von Louis Farrakhan; Public Enemys Militarismus knüpft an Black Panthers und Malcolm X an.
Am Anfang waren Public Enemy einfach der harte und radikale Act im Sortiment ihres damaligen Labels Def Jam. Im Zentrum standen Chuck D, sein clownesker Gegenpart Flavor Flav und der DJ Terminator X. Schon auf dem zweiten Album "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" von 1988 aber sagten Public Enemy den Mainstream-Medien den Kampf an. Sie kritisierten, dass Afroamerikaner immer nur von ihrer schlechten Seite gezeigt werden würden, während man ihre Kultur ausschlachtete.
Als sich das Public-Enemy-Mitglied Professor Griff 1989 in einem Interview antisemitisch äußerte, geriet die Band mit dem Fadenkreuz im Logo tatsächlich ins Kreuzfeuer der Presse. Unter dem öffentlichen Druck trennte sich Chuck D von Griff. Ein Jahr später erweiterten Public Enemy mit dem Album "Fear Of A Black Planet" ihre Kampfzone auf einen globalen Ausbeutungszusammenhang. Auf dem folgenden Werk "Apocalypse '91" gaben sie ihren mittlerweile meist weißen und aus der Mittelschicht stammenden Hörern eine Geschichtsstunde über die Kolonialisierung Afrikas. Die ersten vier Alben sind Klassiker. Zwar produzierten sie danach als erste Rapgruppe einen kompletten Soundtrack (für Spike Lees "He Got Game") und flirteten mit der Metalband Anthrax. Nachdem sich Public Enemy 1996 aber von Def Jam getrennt hatten, begann eine Phase der Orientierungslosigkeit.
Mit Gangsta Rap und Ghetto-Glamour gewann die hedonistische Seite von HipHop die Oberhand und drängte politische Botschaften ins Abseits. Damit war auch ein neuer Feind gefunden: der Kommerzrap. Als das schlechte Gewissen von HipHop beobachtet Chuck D verbale Entgleisungen von Kollegen und zeigt die Verbindung zum Selbsthass auf, der das schwarze Amerika in eine tiefe Krise gestürzt hat. Er deckt auch die ökonomischen Machtverteilungen hinter dem Nihilismus des 'corporate rap' auf, einer millionenschweren Industrie, die Modelabels, Softdrinks und Schmuckkollektionen umfasst, an deren Gewinnen aber kaum Afroamerikaner beteiligt sind.
Als Gegenmodell gründete Chuck D 1997 sein eigenes Label Slamjamz, mit dem er an die selbstbestimmten und kreativ blühenden Zeiten von Motown anknüpfen möchte. Als einer der ersten großen Pop-Acts hat er hierauf Alben im MP3-Format vertrieben. Im Internet kommentiert er zudem regelmäßig in einem Weblog aktuelle Geschehnisse.
Auf dem aktuellen, neunten Album "New Whirl Odor" huldigen Public Enemy der eigenen Klassizität. Schon der Titel des Albums spielt in gewohnt aggressiver Manier mit dem Lieblingsthema der Band: einer neuen Weltordnung (New World Order), die immer auch als korruptes System (Whirl = Turbulenz; Odor für Gestank) kritisiert wird. Stilistisch grenzt ihr Sound vom glitzernden Minimalismus heutiger Produktionsstandards ab und greift auf die Historie der Breakbeats und alarmierende Störgeräusche zurück.
Im Song "Makes You Blind" greift Chuck D die großen drei "Ms" der Industrie und ihre Verblendungsstrategien an: McDonalds, MTV und Microsoft. Wäre er nicht schon viel länger dabei, könnte man ihn glatt den Michael Moore des Rap nennen. Ein anderes Stück trägt den Titel "Revolution". Gemischt mit Reggae-Elementen klingt die Maximalforderung des Reimrebells utopischer denn je. "Revolution" bedeute für ihn einfach Veränderung, erklärt Chuck D den Song.
Die großen Tage von Public Enemy mögen gezählt sein. Trotzdem tourt die Band noch immer um die Welt und veröffentlicht ihre Musik in Eigenregie, unbeeindruckt von Trends und Marketingplänen. Sollte die HipHop-Generation demnächst genug von dicken Autos und Poolpartys haben, wären Public Enemy der wichtigste Bezugspunkt, auf den sich eine Renaissance von verantwortungsbewusstem Rap berufen kann. Für Chuck D hat sich die Wende bereits angekündigt: Als mit New Orleans jene Stadt Amerikas heimgesucht wurde, die wie keine andere für den BlingBling-Materialismus des aktuellen HipHop stand.
"New Whirl Odor" von Public Enemy ist am 4. November bei Slamjamz/Groove Attack erschienen
quelle: spiegel online