Warum wollen wir keine Kinder? Warum suchen wir immer neue Ausreden? Warum töten wir Ungeborene? Christoph Keese in der "Welt am Sonntag" über die selbstverliebte Wohlstandsgesellschaft: (Auszüge von http://www.wams.de/data/2006/03/19/862124.html)
Wir, die in den 50er, 60er und 70er Jahren geboren wurden, sind die Generation der großen Lebensverhinderer. Die Fakten sind unübersehbar und katastrophal. 1964, im geburtenstärksten Jahrgang nach Kriegsende, kamen in Deutschland (West und Ost) 1,357 Millionen Kinder zur Welt. Der Überschuß der Geburten über die Todesfälle betrug 487 000. Ganz ohne Einwanderer wuchs die Bevölkerung in einem einzigen Jahr um fast eine halbe Million Menschen. Während der gesamten 60er Jahre nahm die Zahl der Deutschen allein durch den Geburtenüberschuß um 3,8 Millionen zu.
Völlig anders sieht die Lage heute aus. 2004 kamen erstmals weniger als 700 000 Kinder zur Welt, wie diese Woche bekannt wurde. Aus einem Geburtenüberschuß ist ein Defizit von rund 120 000 geworden. Die Zuwanderung gleicht den Kindermangel nicht mehr aus. Seit 2003 nimmt die Bevölkerungszahl ab. Im ersten Schwundjahr lag der Verlust erst bei 5000 Einwohnern, 2004 waren es schon 31 000. Dieser Rückgang ist schon für sich allein genommen ein Problem. Zwangsläufig wird die Wirtschaft ihre Kapazität verringern müssen. Jahr für Jahr werden die Umsätze im Inland sinken, auf absehbare Zeit heißt die alles beherrschende Frage, wie die Kosten noch weiter zu drücken sind.
Was wir in den vergangenen 40 Jahren erlebt haben, kommt jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen wieder. Alles verläuft in gegenteiliger Richtung: Abbau statt Aufbau, Kündigung statt Einstellung, Schrumpfen statt Expandieren. Wer diesem Drama schulterzuckend zuschaut und hofft, es werde schon nicht so schlimm kommen, dem steht die Erkenntnis noch bevor, wie schmerzhaft Schrumpfungsprozesse in Volkswirtschaften verlaufen. Eine Gleichung, in der das Pluszeichen dem Minuszeichen weicht, wird eben eine grundlegend andere, auch wenn der absolute Wert der Zahlen unverändert bleibt.
Zum Schrumpfen kommt die Überalterung. Seit den 90er Jahren leben in Deutschland mehr Menschen über 75 als Kinder unter sechs Jahren. Dieses Verhältnis ändert sich deutlich zugunsten der Alten. Im Jahr 2050 kommen auf jeden Erstkläßler drei Greise. Es ist gut, daß die Lebenserwartung steigt, für Männer auf 80 Jahre, für Frauen auf 85. Allein, es fehlen die jungen Menschen. Auf 100 Menschen im Erwerbsalter kommen nach der mittleren Prognose des Statistischen Bundesamtes 2050 etwa 78 Rentner. Wir, die wir das zu verantworten haben, bleiben also bis zum Tod weitgehend unter uns.
Wir zeugen nicht nur ungern Kinder, wir treiben sie auch noch gern ab. Vergangenes Jahr wurden 124 000 Kinder während der Schwangerschaft getötet. Die Zahl der Abtreibungen lag höher als das Geburtendefizit. 97 Prozent, also 120 000 Kinder, starben, weil ihre Eltern sie nicht wollten und nach einem Beratungsgespräch den Tod ihrer Tochter oder ihres Sohns für die bessere Wahl hielten als ein Leben mit ihnen. Daß dies vor allem verzweifelte Teenager in echter sozialer Not sind, ist ein Gerücht: Zwei Drittel der Abtreibungen werden von Eltern im Alter zwischen 18 und 34 Jahren veranlaßt.
Für unsere Kinderlosigkeit finden wir zwingende Gründe. Keine Podiumsdiskussion vergeht ohne Aufzählung der unterschiedlichen Störfaktoren: Familien stehen im Steuersystem schlechter da als Kinderlose. Unternehmen machen Eltern das Leben schwer. Karriere mit Kindern ist schwerer als ohne. Kindergärten kosten Geld, während das Studium kostenlos ist. Genug Betreuungsplätze gibt es nicht. Alleinerziehende Mütter haben es nicht leicht. Kinder belasten das Haushaltsbudget. Für den daheim gebliebenen Partner lohnt es sich kaum, wieder arbeiten zu gehen, weil die Betreuung mehr kostet als die Arbeit unter dem Strich bringt.
Nein, mit schlechter Logistik oder fehlendem Geld hat der Kindermangel wenig zu tun. Der Verzicht auf Kinder ist eine freiwillige Entscheidung des Einzelnen. Nicht die Not treibt ihn dazu, sondern das Gegenteil: der Überfluß. In allen wohlhabenden Ländern ist die Geburtenrate in den vergangenen 30 Wohlstandsjahren drastisch gesunken: In Spanien von 19 auf 11 Geburten pro 1000 Einwohner, in Südkorea von 28 auf 10, in Polen von 16 auf 9. Unser Problem ist, daß wir diesen Trend stark übertreiben. Mit 8,5 Geburten pro 1000 Einwohner liegen die Deutschen weltweit auf dem letzten Platz. Wenn Kinderlosigkeit aber eine wohlstandsbedingte, freie Entscheidung ist, könnten wir uns auch anders entscheiden. Warum tun wir es dann nicht?
Am wichtigsten ist es, den Irrglauben an vermeintlich unüberwindliche organisatorische und finanzielle Schwierigkeiten zu zerschlagen. Wir alle sind die Kinder von Eltern, die es sich nicht leisten konnten, Kinder, also uns, zu bekommen. Die meisten unserer Großmütter kamen als Töchter armer Familien zur Welt. Viele von ihnen waren Einwanderer der ersten Generation, unterprivilegiert, oft eingepfercht in Mietskasernen mit einem Zimmer nicht pro Kind, sondern pro Familie. Unsere Eltern wurden im Bombenkeller geboren, als die Unsicherheit über die Zukunft größer nicht hätte sein können. Die meisten von uns sind die Kinder von Mittzwanzigern, die mit ihren ersten Gehältern von ein paar hundert Mark eine Familie gründeten, voller Zuversicht, es irgendwie zu schaffen. Und wir?
Wir werden dreißig, fünfunddreißig, vierzig beim Grübeln im Drei-Zimmer-Single-Apartment über die Frage, ob der derzeitige Partner wohl der Richtige ist und ob ein Kind mit drei Reisen pro Jahr vereinbar sein könnte. Wir sind verwöhnte Luxuskinder mit einem Talent zum Erfinden immer neuer Ausreden. Wir wollen nicht erwachsen werden und verharren in der Gedankenwelt der Pubertät, der wir uns grausam entrissen fühlen: Genieße ich genug? Doch was tun wir auf dem Höhepunkt des Wohlstands? Wir stellen die Nachwuchsproduktion ein. Anders als egoistisch kann man das nicht nennen. Gesättigt und zufrieden halten wir uns selbst für den Gipfel des Möglichen und erklären ein Leben nach uns für wert- und nutzlos.
Jeder Bürger, auch der ärmste, kann sich heute Kinder leisten. Für Akademiker, die besonders wenige Kinder bekommen, gibt es nicht einen ernstzunehmenden Grund, der ihr Verhalten rechtfertigt. Kinder sind ein Glück. Man muß auch gar keine Pflicht gegenüber der Gesellschaft bemühen, um den Kinderwunsch zu beflügeln. Aber wer schon an das Glück der Familie nicht glaubt, sollte seine eigene Verzichtsentscheidung wenigstens an den dramatischen Folgen messen, die sie nach sich zieht. Absichtlich keine Kinder zu bekommen oder sie leichtfertig abzutreiben ist verantwortungslos. Mit jedem Jahr wird deutlicher, wie groß das Versagen dieser Generation in Wahrheit ist.
Was meint ihr dazu?
Nachtrag: Ich bin Vater zweier erwachsener Söhne